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„Christoph 70 – Bitte übernehmen Sie!“

Bell UH1-D im Einsatz

Bell UH1-D im Einsatz (Quelle Bundeswehr/)Größere Abbildung anzeigen

Schönewalde/Holzdorf, 07.11.2017.
Winter 1998: Schnee und Eis bedeckten die Straßen – auch am Himmel Frost und schlechte Sicht. Doch die SAR-Besatzung der Bundeswehr entschloss sich zu einem Rettungsflug. Das Leben eines zu früh geborenen, zwei Tage alten Säuglings stand auf dem Spiel. Fast 20 Jahre später treffen sich die Familie und der damalige Pilot auf dem Flugplatz Holzdorf wieder.

Rettungsflug für Mutter und Tochter

Ehepaar Böhme-Stojan mit ihrer Tochter Hannah. Vor rund 20 Jahren flog Oberstleutnant Hartung mit seiner Besatzung das Frühchen Hannah in die Uniklinik Jena.

Ehepaar Böhme-Stojan mit ihrer Tochter Hannah. Vor rund 20 Jahren flog Oberstleutnant Hartung mit seiner Besatzung das Frühchen Hannah in die Uniklinik Jena. (Quelle: Bundeswehr/Johannes Heyn)Größere Abbildung anzeigen

Im Kreissaal des Rudolstädter Kreiskrankenhauses wurde die kleine Hannah per Kaiserschnitt auf die Welt geholt. Die für Mutter und Kind kräftezehrende Operation bekam der kleinen Hannah überhaupt nicht. „Die Kleine bekam hohes Fieber und war nicht ansprechbar“, erinnert sich Mutter Silvia Böhme-Stojan. Der leitende Arzt ordnete eine Verlegung in das Uniklinikum Jena an. Mit „Christoph 70“, einem SAR-Hubschrauber (Search and Rescue) der Luftwaffe, wurden die junge Mutter und ihre zu früh geborene Tochter Hannah verlegt. Die beiden wurden am 5. Januar 1998 bei extrem schlechtem Wetter vom Kreiskrankenhaus Rudolstadt in die Universitätsklinik Jena geflogen.

Regen, Frost und Blitzeis

Die knapp vierzig Kilometer von Rudolstadt nach Jena in einem Krankenwagen mit Blaulicht – das alles erweckte den Anschein einer zwar eiligen aber doch normalen Überführung. Regen, Frost und Blitzeis machten an diesem Sonntag alle Planungen zunichte. Weiträumig um Rudolstadt konnte kein Auto mehr gefahrlos fahren. Selbst die Fahrer der Krankenwagen trauten sich nicht auf die spiegelglatte Fahrbahn – und das will etwas heißen. Der Vater der kleinen Hannah bekennt: „Wäre ich nicht schon im Krankenhaus gewesen – ich hätte keine Chance gesehen, dort anzukommen. Jeder ließ sein Auto stehen!“

Letzte Hoffnung – Notruf an die Rettungsleitstelle

Hartung erklärt Mutter Silvia und Tochter Hannah die Schwierigkeiten bei der Landung des damaligen Rettungseinsatzes.

Hartung erklärt Mutter Silvia und Tochter Hannah die Schwierigkeiten bei der Landung des damaligen Rettungseinsatzes. (Quelle: Bundeswehr/Johannes Heyn)Größere Abbildung anzeigen

Eine schnelle Lösung musste gefunden werden: das Krankenhaus sendete einen Notruf an die integrierte Rettungsleitstelle Jena. Dort arbeiteten die Disponenten. Ihre Aufgabe war es, anhand der einlaufenden Informationen über medizinische Indikation, Wetter- und Straßenverhältnisse eine schnelle Bewertung zu treffen und dann über den Einsatz des Rettungsmittels zu entscheiden. Ohne diese Männer und Frauen wäre kein Notrettungswagen gerollt oder Rettungshubschrauber geflogen. Oberstleutnant Karsten Hartung, der damalige Pilot, berichtet: „Wir bekamen von der Rettungsleitstelle Jena die Anfrage, ob wir uns in der Lage sehen, diesen Rettungseinsatz unter den aktuellen Wetterbedingungen zu fliegen.“

Nachtflug bei schwierigen Bedingungen

Ende der 90er Jahre wurde Tag und Nacht noch auf Sicht geflogen. Bei schlechtem Wetter eine äußerst schwierige Angelegenheit.

Ende der 90er Jahre wurde Tag und Nacht noch auf Sicht geflogen. Bei schlechtem Wetter eine äußerst schwierige Angelegenheit. (Quelle: Bundeswehr/Markus Schulze)Größere Abbildung anzeigen

Hartung kann sich an die Einzelheiten genau erinnern. Das Team setzte sich kurz zusammen, sah sich in die Augen und entschied: „Wir fliegen! Es geht um ein kleines Menschenleben! Dazu kam“, so betont Hartung, „dass die Hubschrauberbesatzungen für Flüge unter solch meteorologischen Umständen ausgebildet und geschult sind.“

„Die Besatzung eines Rettungshubschraubers besteht aus fünf Personen: Pilot, Copilot, Bordtechniker plus zwei Notärzte beziehungsweise Rettungsassistenten“, so Hartung. Er verdeutlicht: „Wenn einer der Fünf sich gegen einen Einsatz jenseits der normalen Flugbedingen ausspricht – dann bleiben wir am Boden.“ Besonders kritisch war neben dem Blitzeis die Tageszeit. Ende der 90er Jahre wurde Tag und Nacht noch auf Sicht geflogen. Schon unter normalen Wetterbedingungen ist ein Nachtflug kniffelig. Kommen noch Schnee, Eis oder Nebel hinzu, fordert das der Besatzung alles ab. Hartung erklärt: „Wir deckten mit unserer Bell UH-1D ‚Christoph 70‘ einen Flugradius von 70 Kilometern ab – und in diesem Bereich kannten wir jedes Tal, jeden Baum und jeden Schornstein – was uns die Entscheidung erleichterte.“

Die Zeit rennt

Die Luftwaffe hat ihre Hubschrauber des Typs Bell UH-1D an das Heer abgegeben.

Die Luftwaffe hat ihre Hubschrauber des Typs Bell UH-1D an das Heer abgegeben. (Quelle: Bundeswehr/Markus Schulze)Größere Abbildung anzeigen

Hartung und sein Team hoben ab in Richtung Rudolstadt. Bis dahin wussten die Fünf nur, dass sie eine Mutter mit einem Neugeborenen zur Uniklinik Jena zu fliegen hatten. Was Hartung dann sah, ließ ihn kurz den Atem stocken. Am Landeplatz wartete schon das Krankenhauspersonal. Der Hubschrauber setzte auf und ein Wagen mit einem Brutkasten wurde herangeschoben. Ein „Frühchen“ wusste Hartung und spornte die Mediziner an, sich mit dem Beladen zu beeilen.

„Ich dachte - oh Gott, jetzt drängelt der Pilot auch noch - später war mir klar warum“, weiß Silvia Böhme-Stojan zu berichten. Das war einer der wenigen Momente, die ihr in Erinnerung geblieben sind: „Ich war so voller Sorge. Dann musste meine Kleine sich auch noch während des Fluges den Beatmungsschlauch herausziehen.“ In einem Fluggerät, voller Vibrationen und Enge, eine mehr als heikle Situation. Eine erneute Intubation – bei kleinen Kindern an sich schon schwierig – wäre ohne eine Zwischenlandung unmöglich. Auch wenn die Flugzeit nur 15 Minuten betrug, dafür war keine Zeit! Der Rettungsassistent löste die vertrackte Situation, indem er das kleine Mädchen durch einen Beatmungsbeutel mit Sauerstoff versorgte.

Auf einem Sportplatz nahe der Uniklinik Jena warteten schon die Ärzte, um die kleine Patientin zu übernehmen. Alles ging Hand in Hand: die Polizei sperrte den Sportplatz, der Hubschrauber landete und die Rettungsassistenten übergaben das Kind den Medizinern der Uniklinik. Mit Polizeieskorte fuhren Mutter Silvia und Tochter Hannah zur weiteren, lebensrettenden Behandlung. „Am 10. Januar 1998 konnten wir schon wieder ins Rudolstädter Krankenhaus zur normalen Weiterbehandlung zurückkehren“, so Böhme-Stojan und fährt fort: „Diese Zeit, als klar war, dass es um Leben und Tod meiner Tochter ging, und bis meine kleine Hannah dann endlich stabilisiert war, die ist vollkommen an mir vorbeigegangen.“

Wiedersehen nach 20 Jahren

Das erste Treffen der frühgeborenen Hannah mit ihrem Rettungsflieger nach rund 20 Jahren. Oberstleutnant Hartung war damals einer der Piloten des SAR-Hubschraubers.

Das erste Treffen der frühgeborenen Hannah mit ihrem Rettungsflieger nach rund 20 Jahren. Oberstleutnant Hartung war damals einer der Piloten des SAR-Hubschraubers. (Quelle: Bundeswehr/Johannes Heyn)Größere Abbildung anzeigen

Fast 20 Jahre später kommen Silvia Böhme-Stojan, ihre Tochter Hannah und ihr Mann Thomas nach Holzdorf. Sie wollen ihren Retter, „ihren“ Piloten treffen und sich bei ihm bedanken. Hier auf dem Flugplatz Holzdorf am Standort Schönewalde ist Oberstleutnant Karsten Hartung stationiert. „Die Luftwaffe hat ihre Bell UH-1D an das Heer abgegeben und damit auch die SAR-Einsätze“, so Hartung. Er fliegt jetzt eine größere Maschine, eine CH-53GA. Ein großer Transporthubschrauber, mit dem keine Rettungseinsätze in Deutschland geflogen werden.

Das „Frühchen“ macht jetzt Abitur

Das „Frühchen“ – Hannah Stojan – ist mittlerweile eine junge Frau. „Natürlich kann ich mich an die Ereignisse nicht erinnern. Doch in unserer Familie wird ab und zu davon geredet. Gerade mein Opa, er war selbst Berufssoldat bei der Bundeswehr, spricht immer voller Stolz von seinen Kameraden, was die so geleistet haben und wie die immer noch das Unmögliche möglich machen“, so Hannah Stojan.

Hannah belegt seit mehreren Jahren die ersten Plätze bei den thüringischen Landesmeisterschaften im 200- und 400-Meter-Lauf. Etwas schüchtern zeigt sie ihre Medaillen und berichtet dabei über ihre vielseitigen Interessen: außer Leichtathletik spielt Hannah gerne Querflöte und wenn ihr das Lernen für die Schule Zeit lässt, geht sie auch reiten. Zu ihren Zukunftsabsichten sagt sie: „Nächstes Jahr im Mai mache ich mein Abitur und dann will ich auf Grundschullehramt in Erfurt studieren.“

Dank an die Rettungsengel

Ein Foto aus alter Zeit: Die Rettungscrew des SAR-Hubschraubers vor 20 Jahren.

Ein Foto aus alter Zeit: Die Rettungscrew des SAR-Hubschraubers vor 20 Jahren. (Quelle: Bundeswehr/Archiv)Größere Abbildung anzeigen

Die Eltern überreichen einen Dankesbrief, den der Großvater Jürgen Böhme an die Besatzung des „Christoph 70“ schrieb. Herumgereicht werden Bilder der kleinen und Urkunden der großen Hannah. Seit den Ereignissen am 5. Januar 1998 treffen die drei Rudolstädter und Karsten Hartung das erste Mal zusammen. Jetzt können sie endlich mit ihrem „Rettungsengel“ über die verdrängten Einzelheiten dieser dramatischen Stunden reden. „Wir finden das großartig, dass die Besatzung geflogen ist. Ohne ihren Einsatz wären wir heute nicht zu dritt. Dafür möchten wir uns nochmal von ganzem Herzen bedanken“, sagt Thomas Stojan mit Tränen in den Augen.


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Stand vom: 28.11.17 | Autor: Thomas Skiba


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