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Rettung im Gebirge: 42 Meter am Seil in die Tiefe

Profis im Anflug: Der Einsatz im Gebirge ist eine besondere Herausforderung (Symbolbild).

Profis im Anflug: Der Einsatz im Gebirge ist eine besondere Herausforderung (Symbolbild). (Quelle Bundeswehr/)Größere Abbildung anzeigen

Lenggries, Bayern, 09.11.2017.
Im bayerischen Lenggries gerät eine Gruppe Extremwanderer in der Nähe des Sylvensteinsees in Not. Der Such- und Rettungsdienst der Bundeswehr (Search and Rescue, SAR) wird alarmiert.

Starker Regen geht am frühen Samstagabend im Karwendel-Bergmassiv nieder. Ansteigende Wassermassen überraschen die Schluchtengeher, die eine Canyon-Tour im Hühnerbach unternehmen. Der Gruppe, drei Frauen und vier Männern, erscheint es zu gefährlich, auf eigene Faust weiter in Richtung Ausgang der Schlucht Walchenklamm zu laufen. Die Wanderer setzen gegen 17.15 Uhr einen Notruf ab.

Damit lösen sie einen Großeinsatz der Bergwachten Bad Tölz und Lenggries am Sylvenstein aus. Aufgrund des schwer zugänglichen Geländes des Einsatzortes wird Hubschrauberunterstützung für die Rettung mit angefordert.

Bange Frage: Können wir fliegen?

Wegen schlechter Wetterbedingungen mit tief hängenden Wolken und niedriger Flugsicht ist zunächst unklar, ob eine Rettung per Hubschrauber überhaupt möglich ist. Deshalb fordert der Einsatzleiter noch zusätzliche Canyon-Retter der Bergwacht an. Das sind Bergretter mit einer speziellen Zusatzausbildung für solche Einsätze.

Eine Rettung über Land hätte sich über mehrere Stunden bis in die Nacht hingezogen. „Es stellte sich heraus, dass wir mit dem SAR-Hubschrauber trotz der schlechten Witterung anfliegen konnten“, erzählt Stabsfeldwebel Wieland Hoffmann, der Luftrettungsmeister bei dem Einsatz.

„Wir sorgten mit unserem SAR-Hubschrauber für großes Aufsehen, als wir auf dem Lenggrieser Sportplatz landeten“, erinnert sich der 46-Jährige. „Das Freundschaftsspiel zwischen dem Lenggrieser SC und dem SC Gaißach musste kurz unterbrochen werden. Wir haben dann einige Retter an Bord genommen. Sie sollten sich auf einem Erkundungsflug ein Bild von der Lage am Unglücksort machen.“

Der Entschluss: Wir probieren es!

Der Hubschrauber hebt wieder ab. „Wir konnten in der Schlucht die Gruppe sichten. Weitergehen war unmöglich, da der Fluss sich inzwischen in einen reißenden Strom verwandelt hatte“, erzählt Hoffmann. „Das Einsatzgebiet ist nur sehr schwer zu erreichen. Es liegt tief in der Hinderniskulisse zwischen den Bäumen. Jedem von uns in der Besatzung war klar, dass es ein extrem anspruchsvoller Rettungseinsatz werden würde“, erinnert sich der Stabsfeldwebel. „Zudem fragten wir uns, ob die Länge des Windenseiles mit 45 Metern überhaupt ausreichen würde. Der erste Anflug würde es zeigen.“

Trotz der schwierigen und gefährlichen Situation vor Ort entscheidet sich die SAR-Crew für den Einsatz.

Wanderer in Not: Im Gebirge schlägt das Wetter schnell um (Symbolbild).

Wanderer in Not: Im Gebirge schlägt das Wetter schnell um (Symbolbild). (Quelle: Bundeswehr/Thorsten Joachim)Größere Abbildung anzeigen

Der Pilot steuert den SAR-Hubschrauber senkrecht in die Tiefe des Talabschnittes. Zu den Bäumen beträgt der Abstand links und rechts nur noch drei bis vier Meter, hinten am Heckrotor etwa fünf bis sechs Meter. Die Canyon-Retter müssen über die Winde des SAR-Hubschraubers 42 Meter in die Tiefe abgeseilt werden.

„Die Seillänge reichte gerade noch, um zunächst die Wanderer im Canyon mit Seilen abzusichern. Dazu haben wir mit einer Bohrmaschine mehrere Sicherungshaken gesetzt und ein Seilgeländer gespannt“, schildert Hoffmann den Rettungsablauf im Einzelnen.

Mit der Rettungswinde werden die Wanderer schließlich im Doppelwinschverfahren – dabei hängt sicherheitshalber der Luftrettungsmeister mit der geretteten Person am Seil – in den SAR-Hubschrauber hoch gehievt. „Das Hochhieven an der Winde verlief glücklicherweise problemlos. Der Pilot konnte den Hubschrauber stabil in der Schlucht halten. Ich konnte alle unverletzt an Bord bringen“, erinnert sich der Stabsfeldwebel. „Entsprechend glücklich über die Rettung bedankten sich die Verunglückten bei allen Rettern herzlich!“

Nach neun Anflügen: Alle gerettet!

„Insgesamt ist der SAR-Hubschrauber neunmal angeflogen und senkrecht in die Hinderniskulisse eingetaucht“, zählt der Luftrettungsmeister auf. „Das hat uns allen unser gesamtes Können abverlangt“, sagt er. Nach knapp drei Stunden waren die sieben Personen unverletzt gerettet.

Insgesamt sind 45 Bergretter und der SAR-Hubschrauber zum Einsatz gekommen. „Trotz der Anstrengungen bei dieser Rettung waren wir kurze Zeit später wieder bereit für den nächsten Einsatz. Das macht uns aus“, betont Hoffmann.

Der SAR-Auftrag umfasst die Suche und Rettung sowohl über Land als auch über Wasser durch Heer und Marine. An Land ist die Bergung aus bewaldetem oder bergigem Gelände eine besondere Herausforderung. Die Rettung im Hochgebirge bei Tag und Nacht ist besonders schwierig.

Beim Flug über dem Meer wiederum fehlen feste Referenzpunkte zur Orientierung. Starker Wind auf See, hoher Wellengang und Strömungen können die Rettung aus dem Wasser zusätzlich erschweren. Auch eine Landung auf Schiffen muss beherrscht werden. Dementsprechend unterscheiden sich bei Heer und Marine auch die Verfahren für die Einsatzplanung und die Berechnung des Suchgebiets. Auch die Hubschrauber sind unterschiedliche: Das Heer fliegt im SAR-Einsatz die Bell UH-1D, die Marine setzt den Sea King ein.


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Stand vom: 28.11.17 | Autor: Tölzer Kurier / Redaktion der Bundeswehr


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